In der Gewissheit, dass mindestens zwei davon nicht
erscheinen, legte ich alle Gespräche auf einen Tag, beginnend
pünktlich um 9:00 Uhr.
9:23 Uhr strich ich mangels Anwesenheit Kandidat eins von der Liste, dessen Ausrede
ich auch bei seinem Erscheinen 11:50 Uhr (”Sie verlangten
doch Flexibilität”) nicht mehr gelten ließ.
Bewerberin Nummer zwei befand unsere Reklame-
Schmiede als zu kommerziell ausgerichtet und machte
mir unmissverständlich klar, dass sie sich nicht werblich
für die Großindustrie und Fleischproduzenten engagieren
würde. Sie bemängelte das Fehlen von Fahrradstellplätzen
und Kinderhort innerhalb unserer Agentur und den enormen
Spritverbrauch meines Autos.
Im folgenden Gespräch handelte ich mir fast eine Klage
wegen sexueller Belästigung ein, als ich nach den
Französischkenntnissen fragte.
Dafür bekam ich von der nächsten Dame zum Thema Belastbarkeit die vieldeutige Antwort: ”Bis 80 Kilo.”
Ein gewisser Herr Schneider wollte seine Anfangsbesoldung
zu stark oberhalb meines eigenen Gehaltes
orientieren. Wobei er mich in ein halbstündiges
Gespräch über den Wert seiner Arbeitskraft nach immerhin
drei abgebrochenen Studiengängen (Archäologie,
Kunsterziehung, Soziologie) verwickeln wollte.
Nach einer ungeplanten, aber dringend notwendigen
Mittagspause (Nr. 7 war nicht erschienen), kämpfte ich
mich durch die Tiefen des saarländischen Dialektes, der
mir skrupellos als ”Kundenorientierung im heimischen
Markt” verkauft wurde und einen hysterischen
Weinkrampf (”...ich wusste, dass Sie was gegen Schwule
haben!”).
In meiner wachsenden Verzweiflung redete ich mir
manchen Lebenslauf zur werblichen Qualifikation
schön. 12 Jahre Fremdenlegion wurden
plötzlich in meinem Hirn zur ”Überzeugungskraft
gegenüber Kunden”.
Eine Lehre als Fleischwaren-Fachverkäuferin zur „Routine
im Bereich Produktion und Einkauf“.
Meine Rettung erschien um 18:40 Uhr in der Person von
Bertram Meinrath. Gepflegtes Äußeres, gute Umgangsformen.
Als er seine Qualifikationen nannte, fiel ich ihm fast vor Freude um den
Hals: Gelernter Krankenpfleger, zwei Semester Psychologie,
nebenberuflich Rausschmeißer in einer bekannten Diskothek.
Nach 10 Minuten hatte er den Vertrag in der Tasche und ich muss
sagen, wir haben die Entscheidung nie bereut.
Zwar übernahm ich ab diesem Moment wieder selbst die Aufgaben
eines Werbekaufmanns, aber dafür entlastet uns Herr Meinrath
an ganz entscheidender Stelle:
Er führt seit dem alle Vorstellungsgespräche.