10.02.2009

Das können Sie sich nicht vorstellen Teil 2

 In der Gewissheit, dass mindestens zwei davon nicht

erscheinen, legte ich alle Gespräche auf einen Tag, beginnend

pünktlich um 9:00 Uhr.

9:23 Uhr strich ich mangels Anwesenheit Kandidat eins von der Liste, dessen Ausrede

ich auch bei seinem Erscheinen 11:50 Uhr (”Sie verlangten

doch Flexibilität”) nicht mehr gelten ließ.

 

Bewerberin Nummer zwei befand unsere Reklame-

Schmiede als zu kommerziell ausgerichtet und machte

mir unmissverständlich klar, dass sie sich nicht werblich

für die Großindustrie und Fleischproduzenten engagieren

würde. Sie bemängelte das Fehlen von Fahrradstellplätzen

und Kinderhort innerhalb unserer Agentur und den enormen

Spritverbrauch meines Autos.

 

Im folgenden Gespräch handelte ich mir fast eine Klage

wegen sexueller Belästigung ein, als ich nach den

Französischkenntnissen fragte.

Dafür bekam ich von der nächsten Dame zum Thema Belastbarkeit die vieldeutige Antwort: ”Bis 80 Kilo.”

Ein gewisser Herr Schneider wollte seine Anfangsbesoldung

zu stark oberhalb meines eigenen Gehaltes

orientieren. Wobei er mich in ein halbstündiges

Gespräch über den Wert seiner Arbeitskraft nach immerhin

drei abgebrochenen Studiengängen (Archäologie,

Kunsterziehung, Soziologie) verwickeln wollte.

 

Nach einer ungeplanten, aber dringend notwendigen

Mittagspause (Nr. 7 war nicht erschienen), kämpfte ich

mich durch die Tiefen des saarländischen Dialektes, der

mir skrupellos als ”Kundenorientierung im heimischen

Markt” verkauft wurde und einen hysterischen

Weinkrampf (”...ich wusste, dass Sie was gegen Schwule

haben!”).

In meiner wachsenden Verzweiflung redete ich mir

manchen Lebenslauf zur werblichen Qualifikation

schön. 12 Jahre Fremdenlegion wurden

plötzlich in meinem Hirn zur ”Überzeugungskraft

gegenüber Kunden”.

Eine Lehre als Fleischwaren-Fachverkäuferin zur „Routine

im Bereich Produktion und Einkauf“.

Meine Rettung erschien um 18:40 Uhr in der Person von

Bertram Meinrath. Gepflegtes Äußeres, gute Umgangsformen.

Als er seine Qualifikationen nannte, fiel ich ihm fast vor Freude um den

Hals: Gelernter Krankenpfleger, zwei Semester Psychologie,

nebenberuflich Rausschmeißer in einer bekannten Diskothek.

 

Nach 10 Minuten hatte er den Vertrag in der Tasche und ich muss

sagen, wir haben die Entscheidung nie bereut.

Zwar übernahm ich ab diesem Moment wieder selbst die Aufgaben

eines Werbekaufmanns, aber dafür entlastet uns Herr Meinrath

an ganz entscheidender Stelle:

 

Er führt seit dem alle Vorstellungsgespräche.