11.05.2009

Eine Zunft stirbt aus

Es hat schon viele getroffen: die Dinosaurier, Ed von Schleck und Menschen über 12 ohne Handy. Sie alle teilen ein Schicksal – sie sind ausgestorben.

Und seit ein paar Tagen habe ich begründete Angst, dass es eine ganze Berufsgruppe getroffen hat, die wie vom Erdboden verschluckt scheint.

Ich rede von den Portrait-Fotografen. Jene Untergattung des „homo paparazzi“, die sich darauf spezialisiert hat, Menschen auf deren Wunsch hin ins beste Licht und Bild zu rücken.

 

Seit drei bis vier Wochen müssen sie verschwunden sein. Vielleicht sind sie aber auch auf Wanderschaft? Fortbildung oder –pflanzung?

Ihr Absens (nein, das ist nicht das Zeug zum Trinken) fällt zeitlich auf den Beginn des Wahlkampfes. Wenn Beides im Zusammenhang steht, handelt es sich bei dem Verhalten der Fotografen wahrscheinlich um Flucht. Nicht aus Schuldgefühlt, denn sie sind nicht in die Machenschaften involviert, sondern aus Angst, das für ihren Beruf durchaus wichtige Augenlicht zu verlieren – beim Betrachten der regionalen Wahlplakate.

 

Sie möchten einen Beweis?

Schauen Sie sich um und Sie finden Tausende, in Saarbrücken, Saarlouis und all den anderen Städten, in denen sich Kommunalpolitiker an Bäume, Laternenmasten und Brückengeländer aufhängen – rein plakativ versteht sich.

 

Sagen Sie es mir: Wer in aller Welt hat diese Menschen geknipst (fotografieren kann man das nicht nennen)? Aus welchem Passfoto-Automaten wurden die Abzüge entwendet? Auf welcher Handycam wurden diese 0,004 Megapixel-Machwerk verewigt?

 

Es gibt einen alten Spruch: „Ein Foto zeigt nie die Wirklichkeit, sondern nur ein geschöntes Abbild“. Alles Lüge!

 

Ich fahre jetzt auch spät abends mit dunkel getönter Brille und herunter geklappter Sonnenblende durch Saarbrücken aber das filtert nur wenige der Plakate aus meinem Sehzentrum.

Ich sehe nur eine Chance: Die Profi-Fotografen kehren bald zurück. Oder der Wahlkampf ist zeitnah zu Ende.

Oder ich werfe meine Brille weg.