Als werblich versklavter Leser wissen Sie ja genau, aus welchen Gründen der Mensch Bier trinkt, genauer: Bier kauft.
Jetzt kommen Sie mir bitte nicht mit diesen nie bewiesenen Thesen von „Qualität“ und „Geschmack“. Wir haben doch alle in Blindtests und beim Flatrate-Saufen festgestellt, dass wir Biermarken entweder nicht unterscheiden können oder ab einem bestimmten Promille-Grad nicht mehr unterscheiden wollen.
Der Otto Gelegenheits-Trinker kauft sich die Kisten-Ware wegen des frischen Felsquell-Wassers, der Rettung des Regenwaldes oder einfach wegen des „X“.
Das ist nämlich in Mixery drin. (Aber die Zielguppe sagt auch „wegen dem X“)
Was früher verschämt als „Cola-Bier“ über den Tresen ging, präsentiert sich heute selbstbewusst als V+, CAB, Dimix oder Bibop.
Hochglanzbeklebt mit schillernden Etiketten kämpfen die Flaschen um den jung gebliebenen (oder gerade erst alt genug gewordenen) Konsumenten.
Als ich letzte Woche im Flächensupermarkt meines Vertrauens nach kühlen Erfrischungen für’s Schwenker-Event suchte, stach eine Flasche aus der Armada der Designer-Pullen heraus. Die wohl hässlichste Bierflasche der Welt:
OeTTINGER Radler!
Oettinger, jener Don Quichot der Brauwelt, dessen Internetauftritt die Höhe des gesamten Werbeetats widerspiegelt: NULL.
Oettinger, das Bier mit dem momentan wohl höchsten Schäm-Faktor: „Ich kauf’s gar nicht für mich, ist für meinen Vater, weil der wegen der Rente und der Wirtschaftskrise...“
Oettinger, hier malt der Chef das Etikett noch selbst. Und wenn Sie genau hinschauen, können Sie die Hand-Krotzelei beim Radler-R erkennen.
Eine Explosion an Farbe und Typografie, angereichert mit Medaillen, Wimpeln und EAN-Code. Da macht jede Gestaltungs-Facette Durst, da springt mich die Frische förmlich an. Kurz gesagt: Das ist MEIN Bier.
Oettinger – Bier + Flasche + Kiste!
Design muss man natürlich bezahlen. Doch es gibt Tage, da sind mir meine Gäste die 5,75 € für die 20 x 0,5 l wert.
Die Konkurrenz hätte gerne für das Weizen mit Grapefruit 13,75 €, Warsteiner für sein Pils gerade mal einen Euro weniger.
Und da wundern die sich, dass der Gerstensaft aus Öttingen massiv an den Marktanteilen gräbt.
Ich hab` jetzt mal eine ganz verwegene Theorie: Bier verkauft sich auch, wenn’s gut, preiswert und hässlich ist.
Wenn das die anderen wüssten...