29.07.2009

Jetzt ist Schluss(verkauf)!

Gestern nach Feierabend, also am frühen Nachmittag, sprach mich vor der Haustür meine liebe Nachbarin Frau Pawelka an. Die nette Dame um die 80 wollte sich bei dem „Reklamemann“ (wenn sie schlecht drauf ist, nennt sie mich Propaganda-Heini) mal genau über diese neumodischen Sachen erkundigen, die man zwei mal im Jahr in jedem Krämerladen zu kaufen bekäme.

Wie immer begann ihr Monolog mit „Sagen Sie mal Herr Westerwelle...“ und endete mit einem vorwurfsvollen, gegen mich gerichteten „Früher war alles besser!“

 

Durch eine geschickte, jahrelang an ihr erprobte Fragetechnik, gepaart mit mehreren Komplimenten über ihre neue (hellblaue) Dauerwelle und untermalt mit dem Angebot ihr die „Frau im Spiegel“ nach Hause tragen zu wollen, konnte ich Sinn und Hintergrund der Frage herausarbeiten.

 

Frau Pawelka kannte über 70 Jahre in ihrem Konsumenten-Dasein zwei Fixpunkte:

Den Sommer- und den Winter-Schlussverkauf. Als Kriegsgeneration hatte sie eine gewisse Routine in der Schlacht an den Wühltischen und die schmale Witwenrente waren Grund genug, im Schnäppchenkampf keine Gefangenen zu machen.

 

Doch seit zwei Jahren litt sie an kaufhäuslicher Orientierungslosigkeit. Wie soll sich die alte Dame in der Welt der bunten Schaufenster zurecht finden, wenn ihr die Wegweiser zum Einkaufsglück genommen wurden.

Wo sind die heiligen drei Buchstaben „SSV“ und „WSV“?

 

Statt dessen, so meine Nachbarin, führt jeder Laden das Gleiche: SALE!

(in der Pawelkaschen Phonetik „saléh“ ausgesprochen).

 

Und seit diesem Moment ist dieses SALE für mich mein ganz eigenes Unwort des Jahres. Zur Erinnerung: Nein, der Schlussverkauf wurde NICHT abgeschafft, sondern nur die Restriktionen der Zeitvorgabe und der Begrenzung auf saisonale Waren.

Sie können jetzt jederzeit einen Schluss verkaufen.

Aber schlau wie der Handel ist hat er sich gesagt: Was seit 1906 gelernt wurde, kann ja nix Gutes sein. Und schwupps wird einer der bekanntesten deutschen Begriffe, der Schlussverkauf, in die Tonne getreten.

 

Irgend jemand hat also beschlossen, es SALE zu nennen, wahrscheinlich steckt die Schilderdruck-Mafia dahinter, denn 1,72 Milliarden rote Pappen mit weißer Schrift zieren schön uniform die Einkaufsstraße jeder Klein- und Mittelstadt.

Sogar Izmir aus Antalya hat die Zeichen der Zeit erkannt, und startet alle 2 Wochen seinen beliebten Döner-SALE mit seinen handgemalten Gourmet-Plakaten:

 

Döner-SALE!!!

Großem - 4,-

Kleinem – 2,-

(man beachte die Benutzung von dem seinem Dativ)

Ich wollte ihm schon eine weitere tolle Slogan-Ideen verkaufen, aber ich weiß nicht, wie die religiösen Scherze bei meinem Lieblings- Fastfooder ankommen. Ein riesiges, orientalisches Straßenbanner mit goldener Schrift:

 

SALE – Maleikum.