22.01.2010

Typologie der Schneeschaufler

Was haben wir nach der überlebten Schneekatastrophe gelernt? Ich meine außer, dass man das gelbe Geflock nicht zur Trinkwasseraufbereitung benutzen soll. Richtig: Unseren Nachbar besser kennen!

Wer bisher glaubte, dass nur die Staatssicherheit oder der Schwager bei der Ortspolizeibehörde die wichtigen Informationen über die Menschen aus der Straße herausfinden können, sieht sich nach der weißen Pracht eines Besseren belehrt. Die Methodik heißt: „Sag mir wie du schaufelst, und ich sag dir wer du bist.“

Generell kann man den „Homo pala tollendus“ (ja, es gibt ein lateinisches Wörterbuch im Internet - nein, es interessiert mich nicht, ob es richtig dekliniert ist!) - also den Schaufler - erst einmal nach der Wahl seiner Mittel klassifizieren. Da gibt es den Schaufler, den Kehrer, den Streuer und den Brenner.

Der Schaufler unterteilt sich in den Schipper („Schneeschaufeln war’n beim Praktiker aus!“), der schlimmstenfalls dem Schnee mit dem Gartenspaten zu Leibe rückt; den Schieber, der sich mittels Brett und genagelter Dachlatte die Splitter in die unterkühlten Handflächen rammt und den Schmal- bzw. kapitalen Schaufler, der sich durch die Breite des Profi-Gerätes differenziert.

Der Kehrer, dessen Bemühen bei Minus-15-Gradigem Neuschnee noch von Erfolg gekrönt ist, der aber spätestens bei der Überschreitung des Gefrierpunktes und der Matschgrenze sein Kehr-Paket (auf das Wortspiel warte ich schon den ganzen Sommer) hinschmeißt.

Die Streuer splitten (!) sich in die skrupellosen Salzer, die trotz Verbot das gefrierverzögernde Gut auf den Steigen für Bürger und Tier ausbringen. Nicht dass ich mich um die brennenden Pfoten unserer vierbeinigen Lieblinge kümmere. Aber  jeder Depp weiß doch, dass Streusalz gerade im Winter der Lauffläche meiner Sommerreifen erheblich schaden kann. Der Streuer wird immer häufiger vom ökokonformen Schütter verdrängt, der alles auf den Gehweg schüttet, was seiner Meinung nach in irgend einer Form die Reib- und Haftung optimiert. Angefangen bei Sand aus dem gleichnamigen Kasten, über Sägespäne und Tannennadeln (Weihnachtsbaumentsorgung), bis hin zu grobem Kies aus dem gerade aufgeschlagenen Zierteich im Garten. Daher sind auf den Bürgersteigen der besseren Wohngegenden häufig versehentlich mitgegriffene Koi-Karpfen zu finden.

Der Brenner ist eine Modeerscheinung der letzten Jahre und ist nicht mit den Kippenwegwerfern zu verwechseln. Der Baumarkt hält verschiedene „Burner“ zur umweltfreundlichen Beseitigung von spontaner Begleitvegetation (ehem. Unkraut) bereit, die winterzeitlich gerne zur Änderung des Aggregatzustandes benutzt werden. Achtung, diese Brenner eignen sich nicht für die Arbeit im direkten Umfeld von Autoreifen, Gastanks und Kleinsäugern. Es gibt natürlich auch die Kombinierer, die erst schaufeln, dann kehren und letztendlich streuen. (Achtung, das Zusammenspiel von Kehrer und Brenner ergibt nicht automatische einen heißen Feger!)

All die oben Genannten unterteilen sich in die Pfad- und die Kompletträumer. Erstere sorgen für eine Fortbewegungsbreite von ca. 20 Zentimetern, Letztere enteisen die gesamte, theoretisch betretbare Fläche vor, hinter und auf ihrem Haus. Bleibt nur noch das wohl wichtiges Unterscheidungsmerkmal:

Der temporale Aktivitätsindex.

Typ 1: Räumt generell im Dunkeln (Night Schipping) in der Kernzeit von 4:30 bis 7:15 Uhr und ab einer Schneehöhe von 0,8 mm. Sein größter Feind ist die geschlossene Schneedecke, die seiner Meinung nach bei 100 Flocken / Quadratmeter beginnt. Der Typ 1 benutzt generell Schaufeln mit Stahlkappen die bereits bei leisestem Schieben auf dem Gehweg einen Pegel von > 98 db erreichen.

Typ 2: Der spontane Räumer, der alle 6 Stunden einen Blick aus dem Fenster wirft und die unter 80 cm verschwundene Landschaft mit den Worten: „Oh Leck, s’hat jo geschneit!“ kommentiert. Artikulation und Aktion (Räumen) haben keinen zeitlichen Zusammenhang.

Typ 3: Ich! Die Tätigkeiten beschränken sich auf das Bewerfen von Typ 1 mit am Dachbalken geernteten Eiszapfen, dem Lamentieren über den Klimawandel, dem Bedauern über den Oberschenkelhalsbruch von Frau Schneider aus dem siebten Stock und der Freude, erst im Sommer wieder mit der Kehrwoche dran zu sein.

Gerade in der Eiszeit gilt: Es lebe die Mietskaserne mit 48 Parteien!