17.02.2010

I survived the Faasenacht!

Es ist vorbei, geschafft, finito! Ob bei uns im Saarland, am Rhein oder im dunkelsten Hinterzimmer der Dorfkneipe – es gilt: am Aschermittwoch ist alles vorbei! Die humorigsten, dümmsten und abstrusesten Reden werden zwar erst heute geschwungen (politischer Aschermittwoch!), doch für den Rest der Nation gilt entweder, dass wir es überlebt haben oder noch ausnüchtern müssen.

Ich muss zugeben, dass ich mich selbst nicht immer an meinen Leitspruch „Wer Humor hat, hat im Karneval nix verloren“ gehalten habe. Es ist noch nicht ganz 20 Jahre her, dass mich so genannte Freund dazu überredet haben, aktiv ins Narrentreiben einzugreifen.

„Ja der Tillmann, der hat immer so lustige Ideen, der gehört auf die Bühne!“ Diese Bühne stand im Festsaal des Kolpinghauses und war Austragungsort der Sitzungen des ortsansässigen Karnevalsvereins. Ich war halt jung und brauchte den Alkohol. Und für eine Kappensitzung – glauben Sie mir – da brauchen sie jede Menge (Alkohol, nicht Humor).

Ein Programm für unseren Trupp („Die fantastischen Fünf“) war schnell geschrieben. Politisch bissig, sozialkritisch und von doppeldeutigem Humor. Alles das, was eine Kappensitzung nicht braucht. Gewürzt war das ganze durch eine selbst choreografierte Tanzeinlage (Putzfrauen-CanCan) und Stand-up-Einlagen meinerseits zur Überbrückung der Umziehpausen. Letzteres hieß in den damaligen Zeiten vor der TV-Comedy-Welle noch „Geh mal raus und schwätz was Witziges bis wir aus den Frauenklamotten raus sind und noch einen Cognac gekippt haben“.

So kam es, dass ich mit etwas über einer Promille, etwas zu großer Kittelschürze und etwas übertriebenem italienischen Akzent auf den Brettern die die Welt bedeuten stand, und mir die gesammelten Faasebootzen der Heimatgemeinde erwartungsvoll auf die nackten Beine schauten. Zwischen Nikotin und Narrhallamarsch wurde so die Rampensau in mir geweckt, ein früher Ingo Appelt, gefangen im Körper einer südländischen Reinemachefrau. Das Volk wartete auf den ultimativen Witz, wenigstens doch auf einen Ausrutscher und ein aufgeschürftes Knie.

Ich rief mir schnell noch Regel 1 aus „Die Bühne – deine Heimat“ in Erinnerung: Bezieh die Massen mit ein! Die größte Masse saß in der ersten Reihe, in Form von 156 kg Bürgermeister.

„Gucke mol, da sitzte auche mei Scheffe, de Burgermeischta...“

Das Publikum tobt! So liebt man es. Nur druff auf die politischen Honorationen des Dorfes – es trifft ja nie einen Falschen.

„Und de Pastore sitzte gleiche danebene (einfach überall ein „e“ dranhängen – und fertig ist der italienischen Ak“e“zent“e“). Scheinte vill zu beichte zu habbe, mei Scheffe.“

Was für ein Schachzug! Politik und Klerus in einer Pointe (ja, der Satz gilt im Karneval wirklich schon als Top-Pointe!). Es läuft, ich habe das Publikum im Griff und kann mich so auf die Suche nach dem nächsten Opfer machen. Dieses war schnell gefunden, saß es doch auf der Bühne nur einige Schritte von mir entfernt, in der eigens dafür gezimmerten „Prinzen-Paar-Loge“.

„Ahhhh, da sitze auch de Mann wo spielt diese Jahr de Prinzenrolle!“

Touché! Ein Wortwitz! Und das auf offener Bühne mitten in der Faasenacht. Das soll mir erst mal jemand nachmachen. Hätte der Rausch des Erfolges nicht zusammen mit dem Cola-Cognac meine Sinne berauscht, ich hätte die Minen des Elferrates erheischen können, die in Sekundenschnelle von weinseeligem Lachen in zweifelnde Angst umschlugen. Witze über den Prinzen? Gab es nicht schon vor der Session genügend Kritik und Diskussion bei den Verantwortlichen, weil der einzige noch willige Regenten-Kandidat nur ein Zugezogener und darüber hinaus von Träger von langem Haupthaare war? Wie man mir später glaubhaft versicherte, war die Panik in den Gesichtern der Vereinsheiligen deutlich zu erkennen. Auf der Stirn die Frage, was denn der von Westerfels über den Karnevals-Häuptling zu berichten hätte. Schulden? Frauengeschichten? Oder gar Männergesch... nein so weit wollte man erst gar nicht denken. Davon vollkommen unbeeinflusst, setzte ich zu meiner letzten Spaßrakete an:

„AAAhhh (dabei die Finger der rechten Hand an der Spitze zusammen geführt, die Handfläche nach oben drehen und locker im Gelenk schwingen), icke war schon so gespannte auf de neue Prinze. Habbe alle gesagte, dass er eine Pferdeswanze hat.“

Das Publikum verstummt. Die Spannung ist mit Händen zu greifen. Wird die italienische Putzfrau es wirklich wagen, sich über die Frisur eines deutschen Karnevals-Prinzen lustig zu machen?

„Aber jetzt bin icke entetäuschte... die habbe nur gemeinte de FRISURE...!“

Der Tusch kam mit einigen Sekunden Verzögerung, der tödliche Blick des Prinzen sofort. Die wenigen, die den Witz verstanden haben unterdrückten ein Johlen (ganz vorne mit dabei der Herr Pastor).

Der Ruf „Wir sind fertig“ und ein kräftiger Ruck zogen mich von der Bühne. Abgang ganz ohne Marsch und Orden. Ich verließ den Saal durch den Hintereingang. Irgendjemand muss das dem Prinzen gesteckt haben, denn der versuchte meine Flucht mit dem Schmeißen uralter Bonbons so schmerzhaft wie möglich zu gestalten. Mein kurzer Auftritt wurde aus dem offiziellen Sessions-Video „Best of Bütt“ herausgeschnitten und einige Tage später teilte uns der Sitzungspräsident mit, dass unser Humor nicht den Ansprüchen des Vereins genügen würde. Wir sollten uns bitte für die kommenden Sitzungen keine Hoffnung auf die Bühne machen.

Schade, denn über die riesigen Ohren der Prinzessin hätte man so viel sagen können...